Wie der Ehrenpreis seinen Namen erhielt
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Wie der Ehrenpreis zu seinem Namen kam – ein Märchen

Wie der Ehrenpreis zu seinem Namen kam: ein Märchen.
Der Ehrenpreis blüht entlang der Wege. (c) Pixabay

Es war einmal ein kleines Dorf am Rande des Königreiches. Lange Zeit war im Königreich Krieg gewesen. Der Tod des alten Königs setzte dem ein Ende; sein Sohn, der nach ihm König wurde, schloss Frieden.

Der Krieg hat die Menschen arm gemacht, aber man hielt zusammen. Auch im Dorf am Rande des Königreiches. Der Bürgermeister, ein strenger lieber Herr, kümmerte sich gut um die Menschen. Ihm zur Seite stand seine schöne Tochter, Jolanta.

Eines Tages entschloss sich der junge König, sein Land kennenzulernen und die Dörfer zu besuchen. Und das schönste Dorf sollte eine besondere Auszeichnung erhalten.

Ein Aufruhr ging durchs Land. Der junge König besuchte die Dörfer! Das hatte es schon lange nicht mehr gegeben.

Auch das Dorf am Rande des Königreichs hörte davon. Der König sollte kommen? Und das schönste Dorf erhielt eine Belohnung? Der Bürgermeister rieb sich die Hände und machte sich an die Arbeit: Das Dorf sollte glänzen und strahlen wie noch nie zuvor.

Und das ganze Dorf machte sich an die Arbeit: Mit Feuereifer wurde geputzt und gestrichen, mit alten Teppichen und Laken die Dachlöcher gestopft. Tag für Tag wurde es schöner und Tag für Tag kam der König näher.

Eines Tages kam ein Wanderer ins Dorf. Er erzählte den Bewohnern, dass er Dörfer bereist hatte, die der König vor Kurzem besucht hatte. Dort war der junge König stets prächtig begrüßt worden war – mit meterlangen blauen Teppichen aus feinstem Stoff. Es gäbe da eine Prophezeiung, die dem König großes Glück am Ende eines blauen Bandes voraussagte.

Dem Bürgermeister trat bei der Neuigkeit kalter Angstschweiß auf die Stirn. Ein meterlanger Teppich? Und in Blau? Woher sollte er denn einen solch einen Teppich nehmen? Er hatte gerade befohlen, alle alten Teppiche zu zerschneiden und Reparaturen damit zu machen.

Auf die Schnelle konnte ja kein neuer gewebt werden – und selbst wenn, die Weber würden niemals so viel Wolle auftreiben.

„Morgen kommt der König! Morgen kommt der König! Macht euch bereit!“, tönte ein Bote, der sein verschwitztes Gaul mitten auf dem Dorfplatz zum Stehen brachte.

„Oh nein, wir sind verloren! Wir haben keinen Teppich, wir werden beim König in Ungnade fallen!“, jaulte der Bürgermeister.

Die Bewohner waren ganz erschrocken, nur Jolanta behielt ihren gute Laune. „Keine Sorge Vater, alles wird gut! Ich habe eine Idee“, tröstete sie diesen. Ihre Zuversicht strahlte auf die anderen ab. „Ja, alles wird gut, alles wird gut!“ raunten sie. „Aber wie, aber wie?!“ , wollten sie wissen?

„Ich werde zur weisen Frau im Wald gehen und ihre Hilfe erbitten!“ erklärte das schöne Kind und machte sich sogleich auf dem Weg.

Es dämmerte bereits, als sie bei der kleinen Hütte im Wald am Ende des Ende des Königreiches ankam. Dort hauste die Frau im Wald. Niemand wusste, ob sie eine Fee oder eine Hexe war, ob sie Gutes oder Böses tat.

Jolanta glaubte nicht daran, dass die Frau im Wald der Nachbarin Warzen auf die Nase gewünscht hatte, nachdem diese ihr beim Vorbeigehen nachgeäfft hatte. Oder dass sie dem Nachbarn die Milch sauer werden hat lassen, nachdem er ihr den bösen Blick gegeben hatte.

Sie glaubte ganz fest daran, dass sie eine gute Hexe war und klopfte an die Holztür.

Ein paar Sekunden geschah nichts, dann die Stimme der Frau „Tritt ein Jolanta. Ich hab schon auf dich gewartete.“

Erstaunt trat Jolanta ein in die Hütte der Frau vom Wald. Diese war voller Kräuter und Pflanzen, die in Bündeln von der Decke hingen. An den Wänden waren Regale über Regale, darin allerhand Pulver und Essenzen. In der Ecke war ein Kamin, davor in einem alten fleckigen Lehnsessel saß die Frau vom Wald.

„Guten Tag liebe Frau vom Wald“, sagte Jolanta artig und trat vor. „Ich bin hier, weil ich eure Hilfe brauche. Morgen kommt der König und wir brauchen eine blauen keinen Teppich. Bitte hilf uns.“

Die Frau vom Wald war schon sehr alt, aber erstaunlich flink stand sie auf und kramte in den Regalen, bis sie ein kleines Pulver fand. Das Glas gab sie Jolanta in die Hand.

„Liebes Kind. Ich hatte deine Mutter sehr lieb und ich hab alles versucht damals, sie am Leben zu halten bei deiner Geburt. Sie wollte aber nicht, dass ich sie rette sondern dich. Das habe ich gemacht.

Ich habe mir geschworen, dass, solltest du jemals Hilfe brauchen, ich sie dir auf jeden Fall geben werde. Deswegen nimm das Pulver im Glas, geh gleich heim und streu dies vor dem Haupthaus aus, wo morgen der Empfang ist. Sag dabei dreimal ‚Preis und Ehr, Preis und Ehr, Preis und Ehr, ein Teppich muss her.‘ Morgen früh wird dort einer sein und lass dich von seinem zarten Aussehen nicht täuschen, er ist genauso robust und farbenfroh wie ein richtiger Teppich.“

Sprachlos nahm Jolanta das Pulver, umarmte die Frau im Wald, versprach, bald wiederzukommen, und eilte nach Hause. Es war bereits spät nachts, als sie dort ankam.

Schnell streute sie das Pulver vor dem Haupthaus aus, murmelte dreimal die Formel:

„Preis und Ehr, Preis und Ehr, Preis und Ehr, ein Teppich muss her!“,

Nach einem kurzen, stillen Gebet legte sie sich schlafen.

Das ganze Dorf schlief schlecht. Alle hatten sie Angst, dass Jolanta nicht erfolgreich war, dass der König ohne Teppich zum Haupthaus gehen sollte und sie in Ungnade fallen.

Beim ersten Hahnenschrei liefen alle zum Haupthaus. Zuerst ein Raunen, dann brauch lauter Jubel aus: Ein blauer, samtener Teppich hatte sich gebildet. Doch er war nicht aus Stoff, sondern er bestand aus unzähligen kleinen blauen Blüten.

Bald schon konnte man eine heranfahrende Reiterschar hören. Da kam die Kutsche schon ins Blickfeld, gezogen von vier Schimmeln, mit Gold bespannt und purpurnen Vorhängen. Die Kutsche hielt genau in der Mitte des Dorfes. Ein Lakai in purpur-silberner Livree stieg vom Kutschbock und öffnete die Kutschentür.

Ein Lederstiefel erschien. Und dann ein zweiter, gefolgt von einem stattlichen jungen Mann mit blondem Haar und freundlichem Lächeln.

„Guten Tag, Eure königliche Hoheit. Wir sind zutiefst geehrte, dass ihr unser Dorf am Rande des Königreiches besucht“, begrüßte ihn der Bürgermeister und sank in einen tiefen Knicks. Das ganze Dorf machte es ihm nach, auch Jolanta, die aber durch ihre Haarsträhnen hindurch versuchte, einen Blick auf den Prinzen zu erhaschen. Dieser musterte sie im Gegenzug ebenfalls neugierig.

„Erhebt Euch, guter Mann“, sagte der junge König und bot dem König beim Aufstehen die Hand. „Nach so vielen Jahren Krieg und Leid möchte ich, dass Friede und Wohlstand in mein Land einzieht. Ich habe alle Städte und Dörfer des Reiches besucht auf der Suche nach etwas ganz Besonderem, aber es noch nicht gefunden. Ihr seid das Dorf am Rande der Welt, ihr seid mein letzter Halt und meine letzte Hoffnung.“

Das ganze Dorf hat während der Rede den Atem angehalten. Auf der Suche nach etwas Besonderem? Was sollte das sein?

„Mein König, können wir Euch bei der Suche helfen?“, fragte der Bürgermeister ganz neugierig. Er wollte schließlich auch die Belohnung haben. Neben ihm stand Jolanta, die in ihrem mitternachtsblauem Kleid ganz allerliebst aussah. Der junge König konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Sie lächelte ihn freundlich an, worauf dem jungen König ganz warm ums Herz wurde.

„Das wird sich zeigen“, sagte der junge König.

Bei diesen Worten drehte er sich um und sein Blick fiel auf den wunderschönen blauen Blütenteppich, der den Weg auf das Haupthaus zeichnete. „Ohhhh“, entfuhr es ihm. „wie wunderschön! Das ist der schönste Teppich, den ich jemals gesehen habe!“

Das ganze Dorf, das bis jetzt schier die Luft angehalten hatte, war erleichtert. Jubel brach los. Der junge König schaute verwundert in die Runde.

„Mein König, meine Tochter Jolanta hat das möglich gemacht“, sagte der Bürgermeister voll Stolz und zeigte auf seine Tochter. Dem jungen König wurde noch wärmer und er strahlte Jolanta an.

Er sagte: „Meine Mutter hat, kurz bevor sie starb, mir prophezeit, dass ich eines Tages neben einem blauen Band, das sich mir nicht beugt, meine Zukunft erkennen werde. Jetzt sehe ich ein blaues Band, aber die zarten Blüten werden ja bei jedem Schritt zerstört, sie beugen sich.“

Jolanta trat einen Schritt auf den jungen König zu. Sie erinnerte sich an die Worte der Hexe. „Mein König, wollt Ihr nicht einen Schritt darauf versuchen? Vielleicht irrt Ihr Euch.“

Der junge König schaute auf die junge Frau. Kurz zögerte er, er war sich sicher, dass er sich nicht irrte – ein Blick auf die zarten Blüten hatte ihn von dessen Zerbrechlichkeit überzeugt.

Aber der klare Blick von Jolanta ließ ihn einen Schritt auf das blaue Blütenband treten, es folgte ein zweiter, dritter und schließlich war er schon zur Hälfte beim Haupthaus. Er war sich sicher, dass er tiefe Spuren hinterließ.

„Mein König, seht, Eure Schritte sind verschwunden“, rief der Bürgermeister. Ungläubig schaute der König zurück und siehe da, das blaue Blütenmeer stand genauso aufrecht wie davor, kein Knick, kein gebrochener Stiel war zu sehen.

Er kehrte zum Bürgermeister und dem Dorf zurück. Wieder waren seine Spuren, sobald er einen Schritt weiter war, verschwunden.

„Lieber Herr Bürgermeister, ich bin durchs ganze Land gereist, um ein blaues Band zu finden, dass sich nicht beugt, obwohl mir die Bedeutung der Worte nicht ganz klar war. Aber jetzt weiß ich es“, lacht der junge König. „Euer Dorf hat die versprochene Belohnung verdient.“

Das Dorf wartete gespannt.

„Was ist die Belohnung?“, fragte der Bürgermeister. Der junge König blickte auf Jolanta, die gespannt den Atem anhielt.

„Ihr werdet zehn Säcke Gold erhalten, damit ihr euer Dorf wieder so aufbauen könnt, dass der Krieg vergessen ist. Außerdem werde ihr offiziell nun den Titel „schönstes Dorf im Reich“ tragen“, sagte der junge König.

Er blickte auf Jolanta. „Die Prophezeihung sagt, dass neben dem blauen Band meine Zukunft auf mich wartet. Ich habe Sie in Euch gesehen“, und bei diesen Worten sank er auf die Knie. „Wollt ihr meine Zukunft sein, meine Frau, meine Weggefährtin, mein Partnerin, meine Königin?“ Er hielt den Atem an.

Mit einem Jubelschrei sank Jolanta in die Arme des Prinzen. „JA JA JA! Tausendmal JA!“ Lachend hielten sie sich im Arm. Der Bürgermeister hatte Tränen in den Augen, seine Tochter – Königin! Das ganze Dorf jubelte. Die ersten Bänke wurden aufgestellt, Bierfässer wurden angezapft, Musik erklang.

Schönstes Dorf des Königreiches und die Königin eine von ihnen!!! – mit diesem Ausgang hätte niemand gerechnet.

Der junge König erhob sich, mit ihm die zukünftige Königin Jolanta. „Aber verratet ihr mir noch, welche zauberhaften Blumen das sind, die so zahlreich nebeneinander blühen und sich niemandem beugen?“

Jolanta überlege nur kurz. Ihr fiel der Spruch der Hexe ein, ‚Preis und Ehr, Preis und Ehr, Preis und Ehr, ein Teppich muss her‘.

„Mein König, das ist der Ehrenpreis. Eine Blumen, dem König zu ehren“, lächelte sie ihrem zukünftigen Mann an.

Später am Tag stand die Hexe am Waldesrand und blickte auf das feiernde Dorf. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen. „Ich habe mein Versprechen gegenüber deiner Tochter erfüllt, liebe Freundin. Jetzt bin ich frei und kann diesen Ort verlassen, sie wird gut versorgt und geliebt sein.“

Mit diesen Worte verschwand die Hexe, sie ward nie mehr gesehen.

Jolanta und ihr junger König verließen am nächsten Tag das Dorf am Rande der Welt, das jetzt erstes Dorf des Reiches war. Bald wurde Hochzeit gefeiert. Und wenn sie nicht gestorben sind, lieben sie sich noch heute.

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